Taunus Zeitung 07/09 | Avanti 11/07 | Frankfurter Neue Presse 11/07

 

erschienen in "Taunus Zeitung"
Grävenwiesbach 07/09:

Behinderte und die Musik

Er geht eigene Wege in der musikalischen Therapie Behinderter, und er ist stolz darauf, dass die IB-Behindertenhilfe ihm das in den Grävenwiesbacher Wohnhäusern ermöglicht. Hansjörg Meyer kommt seit drei Jahren mehrmals in der Woche in die Wohnheime und hat den Weg zu den behinderten Menschen über die Musik gefunden.

Die Eindrücke, basierend auf seiner Arbeit, hat er nun aufgeschrieben und in einem Buch veröffentlicht. Es ist nicht seine erste Veröffentlichung. Es sind aber besondere Inhalte, was alleine der Titel «Gefühle sind nicht behindert» vermittelt.

Denn eines werde ihm jeden Tag bei seiner Arbeit vor Augen geführt: «Auch wenn die Fähigkeit zum Ausdruck behindert sein mag, die Fähigkeit zu fühlen, ist es ganz bestimmt nicht.» Und so versteht sich Meyer mehr als Komponist, denn als Therapeut, weil er die Eindrücke der jeweiligen Klienten in Musik umsetzt.

Dass er dafür ein sehr intensives Einfühlungsvermögen besitzen muss, ist klar. «Es entsteht ein Dialog von Tönen und Körper», erklärt er seine Arbeit. Die Atmung, die Bewegungen seiner Schützlinge nimmt er intuitiv auf und setzt sie in Töne um. Es entsteht eine völlig spontane Musik, die auf einem unhörbaren Dialog zwischen diesen zwei Menschen, Meyer und dem Klienten, erwacht.

Gefühle werden frei

Die Musik lässt die Gefühle frei werden, die zuvor nicht erahnt werden konnten, und die sich oftmals dann sehr intensiv äußern. Da gebe jeder etwas von sich, jeder auf seine Weise, beschreibt Hansjörg Meyer diese besonderen emotionalen Momente. Denn oftmals sind die Klienten nicht in der Lage zu kommunizieren.

Durch die Musik dringt der Therapeut aber bis tief in ihre Seele vor. Und endlich können auch behinderte Menschen ihre Gefühle nach außen bringen und irgendwie doch kommunizieren.

«Es ist eine musikbasierte Kommunikation, die von der schöpferischen Musiktherapie von Nordoff und Robbins ausgeht», erklärt Meyer. Und weil das alles so einzigartig ist, und andere das kaum nachempfinden oder gar verstehen können, hat sich Hansjörg Meyer die eigenen Gefühle vom Herzen geschrieben. Noch ein Grund veranlasste ihn dazu. «Ich wollte den vielen Vorurteilen begegnen.»

Oft schon habe er sich sagen lassen müssen: «Dann stell doch einfach die Stereoanlage an.» Doch die würde sich ja nicht auf die behinderten Menschen einlassen und das, was sie fühlen und nicht sagen können, ans Tageslicht locken.

In einer Sprache, die auch berufsfremde und Menschen verstehen, die weder mit Behinderten noch mit Musik etwas zu tun haben, erklärt er in seinem Buch, worum es genau geht.

Wissenschaftliche Erzählung

«Es ist beinahe schon eine Erzählung», ist er auch ein wenig stolz, dass ihm das so gut gelungen ist. Lediglich ein dreiviertel Jahr hat er zum Schreiben benötigt. Dann kam die Verlagssuche. Doch sein Wunschverlag habe sich sofort für den Inhalt interessiert, berichtet er. Denn soweit er wisse, sei dies das einzige Buch zu diesem ganz speziellen Behinderten-Thema.

Im Alfred-Delp-Haus in Oberursel, wo er diese musikbasierende Kommunikation ebenfalls einsetzt, durfte Meyer sogar schon die erste Lesung halten. Erschienen ist das Buch «Gefühle sind nicht behindert» im Lambertus Verlag.

Monika Schwarz-Cromm

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erschienen im "Avanti" (Journal für Integration und bürgerschaftliches Engagement);
Karlsruhe 11/07:

Kommunikation der besonderen Art
Musiktherapie im Sozialpädagogischen Wohnheim der Reha-Südwest

Mehrfach-schwerstbehinderten Kindern eröffnet sich dank Musiktherapie eine neue Welt der Kommunikation. Lautstärke, Tempo, Rhythmus oder Klangfarbe vermitteln emotionale Inhalte - in Musik wie Sprache. Durch sie können sich mehrfach-schwerstbehinderte Menschen ausdrücken, sprechen. Musiktherapie macht es ihnen sogar oft erst möglich.

Hansjörg Meyer, Musiktherapeut aus dem Raum Frankfurt, kommt einmal in der Woche in das Sozialpädagogische Wohnheim der Reha-Südwest in Karlsruhe. Die kleinen Bewohner spielen dort kein klassisches Instrument, sondern Herr Meyer kommuniziert mit den Kindern über ihren eigenen Körper als Instrument.

Eine der Teilnehmerinnen sitzt dem Musiktherapeuten gegenüber, sieht niemanden an, hat den Mund weit geöffnet, die Augen geschlossen. Eine Kommunikation mit ihr scheint unvorstellbar. Was man aber hört und sieht: sie atmet. Hansjörg Meyer orientiert sich nun an ihrem Atmen, das fortan die Musik steuert. In ihrem Rhythmus schlägt Herr Meyer die Klangschale und berührt manchmal das Mädchen auch mit der Klangschale. Sie spürt die Musik. Einmal reagiert sie, schlägt kurz die Augen auf.

Oder Kaspar: Er ist neun Jahre alt, sitzt im Rollstuhl, hat eine Trommel vor sich. Man würde vermuten, er trommelt gleich los - wie es andere Jungs in seinem Alter tun würden. Er hat aber eine andere Art zu kommunizieren. Hansjörg Meyer sitzt ihm gegenüber und schlägt auf die Trommel. Nicht schnell oder langsam, laut oder leise, sondern in Kaspars Rhythmus, und dieser spürt, irgendwann, dass er, der sonst nie etwas kann, plötzlich etwas steuert: Hört er auf, auf dem Stuhl zu wackeln, hört man auch die Trommel nicht mehr.

Das ist ein unglaublicher Moment für alle, die dabei sind, auch für den Musiktherapeuten, der häufig keinen direkten Erfolg seiner Arbeit sehen kann. "Doch ein solcher Moment lässt einen die Stunden vergessen, in denen kaum etwas zu passieren scheint", sagt er.

Almuth Marschner

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erschienen in der "Frankurter Neue Presse", 15.11.2007:

Musik öffnet das Tor zur Seele

Grävenwiesbach. „Die Fähigkeit zum Ausdruck mag behindert sein, die Fähigkeit zu fühlen nicht“, sagt Musiktherapeut Hansjörg Meyer. Er kommt zwei Mal in der Woche in das Wohnheim des Internationalen Bundes (IB) und arbeitet dort mit den behinderten Bewohnern. Intensiv und oftmals sehr bewegend ist sein Arbeitsalltag. Denn er setzt die Gefühle der Klienten in Musik um.

Und so entsteht ein Dialog von Tönen und Körper. Oftmals verfügen die Klienten nicht über eine sprachliche Ausdrucksform und sind auch nicht in der Lage, zu kommunizieren. „Die Musik macht ihnen aber deutlich, dass alles, was sie unter dem Einfluss der Musik zeigen, eine Bedeutung hat“, erklärt Hansjörg Meyer. Musiktherapie ermögliche die Entfaltung von Ausdrucks- und schöpferischen Kräften. Ganz genau beobachtet der Musiktherapeut sein Gegenüber und stimmt sich ganz auf die Bewegung des anderen Körpers ein. Er achtet auf die Atmung, auf die jeweilige Stimmung und entlockt dem Klavier passend dazu Töne. Im Klartext: Er gibt den Gefühlen einen Ton.

„Ich spiele improvisierte Musik, die sich an den Möglichkeiten und Bedürfnissen des Menschen orientiert.“ Oft dauert es lange, aber irgendwann öffnet er das Tor zur Seele. Neue Gefühle werden geweckt, wollen heraus aus dem behinderten Körper, wissen nicht wie und finden letztlich doch einen Weg. In genau dieser Situation versucht eine behinderte Klientin, die ansonsten fast bewegungslos im Rollstuhl sitzt, mitzusingen, im Takt zu trommeln und gar zu tanzen, indem sie das Bein schwungvoll bewegt. Durch diese Fähigkeit, sich auszudrücken, drängen sich immer mehr Gefühle nach außen. Es kommt zu einer starken Kommunikation zwischen Therapeut und Patient.

Hansjörg Meyer gelingt es tatsächlich, das Unaussprechliche ausdrücken zu lassen. „Es ist mein Ziel, den behinderten Menschen von seiner Behinderung weg und hin zu seinen Emotionen zu führen“, sagt der 41-Jährige über seine Arbeit. Dass dazu ein sehr großes Einfühlungsvermögen gehört, ist wohl selbstverständlich. Musikalisch ausgebildet absolvierte Hansjörg Meyer auch ein Studium der Heil- und Behindertenpädagogik und ist nicht nur Diplom-Sozialpädagoge, sondern durch ein weiteres Musiktherapie-Studium auch Master of Arts sowie Psychotherapeut und Heilpraktiker. Mit der Behindertenarbeit beschäftigte er sich schon als Zivildienstleistender und 20 Jahre später erneut während des Studiums.

Damals kam es zu einem Schlüsselerlebnis. Ein äußerst aggressiver, behinderter junger Mann verwandelte sich während Meyers Spiel mit der Trommel und auf dem Klavier zu einem feinfühligen, lammfrommen Menschen. „Behinderte sind sehr kreativ“, hat Meyer festgestellt, „Ich bekomme sehr viel von ihnen zurück.“ Denn Gefühle seien nun mal nicht behindert. „In jedem Menschen steckt eine schöpferische Kraft“, beschreibt er die Wirkung seiner Musiktherapie.

Monika Schwarz-Cromm

 

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